WebSummit 2018 - Das bewegte die Technologiewelt

20. Nov 2018
Johannes Haaf
websummit stage

Die WebSummit ist nicht nur ein gewaltiges Event mit 70.000 Teilnehmern, sondern gilt als eine der wichtigsten Technologie-Konferenzen überhaupt. Aus diesem Grund hat sich empiriecom entschlossen, den Weg nach Portugal auch dieses Jahr wieder anzutreten. Nachfolgend findet Ihr unsere Zusammenfassung.


Jeweils 2.000 Speaker, die auf den 24 Bühnen oft parallel ihre Inhalte vorstellen, sowie 2.000 StartUps unterschiedlicher Reifegrade und hunderte bekannte Firmen hielten erneut riesige Mengen Wissen für die Besucher bereit.

Da alle Talks auch bei Youtube zu finden sind und man in einem Blogeintrag wie diesem bestenfalls an der Oberfläche dieser Inhalte kratzen könnte, stellen wir Dir hier stattdessen Trends und Zusammenhänge vor, die sich nur im Gesamtbild der WebSummit ergeben.

Unter den Besuchern in Lissabon finden sich Spezialisten aus verschiedensten Branchen - Finanzen, Ecommerce, IT-Security, Auto-Industrie, Mode, Musik, Politik... Wir haben viel für Euch eingesammelt, unser Hauptaugenmerk lag aber auf den Bereichen IT/Development, Plattformen und E-Commerce.

Künstliche Intelligenz ist längst angekommen

Den Unkenrufen vieler Berater zum Trotz: AI Lösungen liefern zuverlässig und schnell exzellente Ergebnisse. Ansätze für bekannte Probleme und auch völlig neue Produkte sind überall zu sehen bzw. zu erproben. So setzen etwa zwei Drittel aller ausstellenden StartUps Machine Learning in irgendeiner Form in ihrer Arbeit ein. Für ca. ein Viertel bildet es sogar den Kern ihrer Produkte: sehr beliebt ist etwa das Modell "Wir nutzen AI um etwas zu tun, dass jeder andere auch machen könnte - aber wir machen es sehr gut!" oder der Klassiker: "Wir nehmen uns ein Problem, dass Dich schon seit Ewigkeiten plagt und lösen es, zumindest teilweise, durch AI".

Die WebSummit hat zwar - durchaus zu recht - den Ruf sehr progressiv zu sein. Die Ergebnisse, die durch den Einsatz künstlicher Intelligenz erzielt oder zumindest bedeutend aufgewertet werden, zeigen aber sehr handfest, dass es sich hierbei nicht um Zukunftsmusik handelt. Im direkten Vergleich mit den letzten Jahren der Veranstaltung ist der enorme Reifegradanstieg spürbar. Von einem "wir glauben, dass wir mit AI Problem XY lösen könnten" zu einem "wir haben durch AI das Problem XY gelöst, hier, probiere es aus".

intelligent coffee

Die intelligente Kaffeemaschine: durch Gesichtserkennung (mitte links) ermittelt das System (Laptop rechts) den Grad der Müdigkeit und die Identität der Person. Ein Grafik (mitte rechts) zeigt historische Müdigkeitsdaten der Person sowie weitere Informationen an. Die Kaffeemaschine (links) bereitet dann einen Kaffee zu, dessen Stärke von der aktuellen Müdigkeit abhängt. 

Der Markt konsolidiert sich

Noch immer weit davon entfernt langweilig zu werden, zeigt sich doch eine zunehmende Konsolidierung des Marktes. Im StartUp-Sektor werden die verrückten Ideen, die eigentlich nie eine Chance hatten, realisiert, aber durch ihre bloße Existenz immer wieder Treibstoff für ganze Ökosysteme waren, immer seltener. Der Trend geht zu belastbaren Business Cases, unspektakulären Nischenlösungen und grundsoliden Dienstleistungen. Die Man-buns sind dem Kurzhaarschnitt gewichen.

Pic

Klar, das sind subjektive Eindrücke, aber die Anzahl der "Wow, das ist komplett durchgeknallt"-Momente ging in den letzten Jahren stetig zurück. Dafür nickt man immer öfter anerkennend mit dem Kopf, weil man über eine echt smarte Lösung oder einfach eine sehr professionelle Umsetzung gestoßen ist.

In der Corporate-World auf der anderen Seite lassen sich ähnliche Tendenzen feststellen. Mal abgesehen von wenigen Gamechangern wie Microsofts Ankündigung, in weniger als 5 Jahren den ersten Quantencomputer in Betrieb zu nehmen, lag der Fokus quer durch die Bank auf Themen wie Sicherheit, Organisationsstrukturen, Weiterentwicklung von Cloudlösungen etc. Zweifellos wichtige Themen, aber dennoch weniger bunt und pionierhaft als in den Jahren zuvor.

Über die Gründe hierfür lässt sich nur spekulieren: vielleicht ist die Technologiebranche mittlerweile derart schnelllebig und kompetitiv, dass für wilde Experimente keine Zeit/Ressourcen mehr bleiben? Oder die digitale Transformation ist schon so in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass auch umgekehrt die Technologiebranche zusehendes gesetzter wird?

who has the most powerful voice?

Zahlreiche Umfragewände nutzen bewusst anachronistisch Klebepunkte statt QR-Code-basierte Umfrage-Apps, um den Besuchern allerhand Meinungen zu entlocken.

Veränderungen in Gesellschaft, Arbeits- und Denkweisen

Die WebSummit war schon seit ihrem Beginn auch immer eine Plattform für die philosophischen Grundsätze, auf denen die Techbranche fußt. Hier wird die digitale Transformation nicht nur umgesetzt und vorangetrieben, sondern auch hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Mensch und Umwelt analysiert und durch Aufrufe oder Warnungen zu einer besseren Zukunft geleitet - so zumindest die Hoffnung vor Ort.

Ein großes, immer wieder auftauchendes Thema waren dieses Jahr (noch stärker als in den Jahren zuvor) "Frauen in der Technologiebranche" bzw. der Mangel solcher. Im Wunsch, dies zu ändern, ist man sich einig. Das ist nicht verwunderlich, denn Fakt ist, ganz nüchtern und business-seitig betrachtet: je unterschiedlicher die Zusammensetzung eines Teams, desto besser seine Leistung. Wer glaubt, mit ausschließlich weißen Männern des gleichen Alters und gleichen Kulturkreises Höchstleistungen erzielen zu können, wird von der Konkurrenz schnell eines Besseren belehrt. Auch dass nicht das mangelnde Interesse die Ursache dafür ist, dass immer noch verhältnismäßig wenige Frauen ihren Weg in die IT finden, sondern veraltete soziale Normen, die uns diktieren, welche Berufe für welches Geschlecht angemessen sind, ist längst klar.

Die Änderungen in der typischen Organisationsstruktur waren ebenfalls immer wieder auf der Agenda. So wurden etwa die Umstellungen, die durch die flächendeckende Einführung von DevOps einhergehen, oft thematisiert. Der sich verschärfende "war for talents" wurde ebenso vielfach analysiert und mit zahlreichen Ideen und Einblicken besprochen. Und wo noch vor 2-3 Jahren die grundlegende Idee der agilen Arbeits- und Denkweise häufiger Inhalt der Talks war, ist 2018 ausschließlich die Weiterentwicklung und verbesserte Nutzung selbiger Methoden von Interesse. Ein Umstand, der für die erfolgte Umsetzung auf breiter Fläche spricht. Unsere Welt ist agil geworden.

Daten, Daten, Daten (und Daten)

Die Nutzung von allen Arten von Daten war immer wieder Grundlage zahlreicher Talks und Business Models. Die Auswirkung der GDPR waren hier bei allen europäischen Teilnehmern Gesprächsthema und auch die anstehende Umsetzung eines ähnlichen Konzeptes in den USA warf bereits ihre Schatten voraus. In einem Großteil der Talks waren immer wieder Anmerkungen diesbezüglich zu hören. Kaum ein Thema beschäftigt unsere Branche immer noch so sehr wie dieses.

Die Aussagekraft und Nützlichkeit scheinbar einfachster Informationen wurde immer wieder thematisiert, um die Macht der Daten zu illustrieren. Kenne ich 10 Likes einer Person in einem sozialen Netzwerk, weiß ich mehr über sie, als einer ihrer (offline) Freunde. Mehr als 100 Likes und ich kenne sie besser als ihr bester Freund und kann ich mehr als 200 einsehen, kenne ich sie besser als ihre eigene Mutter. Dieses einfache Beispiel aus einem WebSummit Talk demonstriert sehr gut die Bedeutung scheinbar unspektakulärer Datensätze. Dieser Gegenentwurf zur hochspezialisierten Data-Science, mit ihren komplexen Kennzahlen, fand sich immer wieder bei zahlreichen Vorträgen und Unternehmenspräsentationen. Dies ist insofern nachvollziehbar, als auch Statistiker und Data-Scientisten sehr hart umkämpfte Berufsgruppen bilden, deren Mangel man zunehmend durch einfache Alltagslösungen zu kompensieren versucht.

Insbesondere als notwendige Voraussetzung für den gewinnbringenden Einsatz von Machine Learning, gewinnt der gesamte Themenkomplex noch weiter an Bedeutung. Hier sei insbesondere die rasant zunehmende Verbreitung von Graphdatenbanken, die in diesem Kontext besonders hilfreich sind, genannt.


Die Websummit, mit ihren hunderten von Satellitenveranstaltungen, wurde ihrem Ruf als Höhepunkt im Kalender jedes Techies wieder gerecht. Auch die Location Lissabon mit ihrer tollen Kulisse und sehr guten Verkehrsanbindung (auch aus Deutschland) konnte, trotz des schlechten Wetters, wieder überzeugen. Im nächsten Anlauf soll das Event sogar noch weiter wachsen, was dank der sehr guten Organisation, die sich auch dieses Jahr wieder gezeigt hat, sicherlich kein Problem darstellt. Wir freuen uns daher schon auf das nächste Jahr und werden sicher wieder vor Ort sein.

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